
Jüdische Gespräche – Dr. Grigori Pantijelew lädt zum Gespräch
Beschreibung
Paris, 1835. Innerhalb eines Monats erleben zwei Opern ihre Premiere, die die Musikwelt prägen: Bellinis „I Puritani“ und Halévys „La Juive“. Beide bieten dem Tenor eine Paraderolle. Doch während Bellinis Arturo in reinstem italienischem Belcanto schwelgt, stellt uns Halévys Éléazar vor ein Rätsel. Wir fragen die Musik direkt: Warum singt der Jude Éléazar, der die Christen hasst, in der eleganten italo-französischen Musiksprache seiner Feinde? Warum hat seine Stimme keine eigene, jüdische Heimat?
In dieser, der 20. Runde, hören wir die beiden Arien im direkten Vergleich und diskutieren: Ist diese „assimilierte Stimme“ ein künstlerischer Kompromiss oder die eigentliche, tiefere Tragödie dieser Oper?
Grigori Pantijelew, geb. 1958 in Moskau, ist promovierter Musikwissenschaftler, Dirigent, Publizist und lebt seit 1994 in Bremen. Hier ist er als Musiker und Hochschullehrer gut bekannt. Seit Jahrzehnten vertritt er die Jüdische Gemeinde nach außen in verschiedenen Gremien. Die Idee für das Format „Jüdische Gespräche“ ist aus dem Gedankenaustausch im „Forum für die Förderung und Sichtbarmachung des jüdischen Lebens in Bremen“ entstanden. Pantijelew möchte als Moderator mit Humor, aber auch Ernsthaftigkeit alle Zuhörenden erreichen und ins gemeinsame Gespräch einbinden.
Die 21. Runde der „Jüdischen Gespräche“ findet am 7. Oktober statt. In der letzten Runde fragten wir uns, warum Halévys Jude in „La Juive“ (1835) „französisch-italienisch“ singt. Nun fragen wir weiter: Was geschah mit seinem Gesang, nachdem er die Bühne verlassen hatte? Wir betreten die Kehrseite der Medaille. Wir springen 70 Jahre weiter, in die Salons und Bordelle von Marcel Prousts Paris. Hier wird Halévys erhabenste Arie, der Schmerzensschrei des Vaters Éléazar, zu einem grausamen Witz – dem Spitznamen für eine jüdische Prostituierte namens Rachel. Proust, selbst Sohn einer jüdischen Mutter, inszeniert diesen Moment. Anhand dieser einen, perfekten und grausamen literarischen Geste wollen wir ins Gespräch kommen: Ist das ein Akt des jüdischen Selbsthasses? Eine brillante Analyse des salonfähigen Antisemitismus als eine hochliterarische Sezierung der Sitten? Oder beides?
Koop: Jüdische Gemeinde im Lande Bremen.
