Fotografie von Grigori Pantijelew.

Jüdische Gespräche – Dr. Grigori Pantijelew lädt zum Gespräch

Beschreibung

Nach der bewussten Auseinandersetzung mit der kontroversen Figur Jordan Peterson wenden wir uns in dieser 18. Runde nun einem Denker zu, der auf den ersten Blick das genaue Gegenteil ist: James Clear, der unideologische Pragmatiker. Anstelle von existenziellen Appellen bietet er eine technische Anleitung. Seine These in „Die 1%-Methode“ klingt fast schon wie eine Erleichterung: Vergiss die Willenskraft. Wer sich nur auf seinen Charakter verlässt, hat schon verloren. Clear sagt: „Du fällst auf das Niveau deiner Systeme herab.“ Wir lesen seine Texte über die „Gestaltung der Umgebung“ und fragen uns: Ist dieser rein technische Ansatz vielleicht der klügere, der sicherere Weg zur Selbstveränderung – gerade weil er auf die große, streitbare Weltanschauung verzichtet? Oder verlieren wir dabei etwas Wesentliches, das gerade in der Reibung mit dem Schwierigen liegt? Wir diskutieren, ob die moderne Verhaltensforschung hier das alte jüdische Prinzip bestätigt, dass „die Herzen den Taten folgen“.

Grigori Pantijelew, geb. 1958 in Moskau, ist promovierter Musikwissenschaftler, Dirigent, Publizist und lebt seit 1994 in Bremen. Hier ist er als Musiker und Hochschullehrer gut bekannt. Seit Jahrzehnten vertritt er die Jüdische Gemeinde nach außen in verschiedenen Gremien. Die Idee für das Format „Jüdische Gespräche“ ist aus dem Gedankenaustausch im „Forum für die Förderung und Sichtbarmachung des jüdischen Lebens in Bremen“ entstanden. Pantijelew möchte als Moderator mit Humor, aber auch Ernsthaftigkeit alle Zuhörenden erreichen und ins gemeinsame Gespräch einbinden.

Die 19. Runde der „Jüdischen Gespräche“ findet am 10. Juni 2026 statt:
Wir haben in zwei bisherigen Gesprächen lange und leidenschaftlich diskutiert, ob der Mensch sich von innen nach außen formt (Peterson) oder ob das äußere System den inneren Menschen prägt (Clear). Nun wagen wir den Blick zurück – nicht in die Moderne, sondern in die jüdische Geistesgeschichte, wo dieser Streit schon vor acht Jahrhunderten mit bemerkenswerter Schärfe geführt wurde.
Es ist das ewige Duell zweier Grundhaltungen: „Pflichten des Herzens“ gegen „Kraft der Taten“.
Auf der einen Seite steht Bahya ibn Paquda. Er sagt: Die äußere Handlung ist nur ein Körper ohne Seele, wenn nicht das Herz mit ihr übereinstimmt. Warte nicht auf die Tat, um gut zu werden – werde erst im Inneren wahrhaftig, sonst bleibt alles Makulatur.
Auf der anderen Seite steht der Sefer HaChinuch. Er sagt: „Der Mensch wird nach seinen Handlungen geformt.“ Warte nicht auf die rechte Gesinnung. Handle – systematisch, täglich, fast mechanisch – und die innere Einstellung wird folgen, ob du willst oder nicht.
Wir lesen die Texte dieser beiden Denker und fragen uns, wie kommt es, dass Peterson und Clear erkennbar ähnliche Wege gehen. Und wer hat recht? Müssen wir erst „fertig“ sein, bevor wir handeln dürfen (und riskieren dabei, nie zu beginnen)? Oder täuschen wir uns, wenn wir glauben, durch bloßes Tun schon gute Menschen zu werden (und riskieren dabei, zu Automaten zu verkommen)? Können wir beides haben – die Wahrhaftigkeit des Herzens und die Disziplin der Tat – oder sind das zwei unvereinbare Wege zur Selbstverwirklichung?

Koop: Jüdische Gemeinde im Lande Bremen.

Wo und wann

Mi, 20.05.2026 ab 17:00
Zentralbibliothek
Krimibibliothek im 2. OG

Kostenlose Veranstaltung